Kennen Sie Momo?

Die Heldin im Roman von Michael Ende?

Sie besitzt eine wunderbare Fähigkeit:

Momo hört so zu, dass man von ihr lernen kann, was aktiv zuhören wirklich meint…

Ich bin tief berührt und begeistert von der Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die das kleine Mädchen Momo ihren Zuhörern entgegenbringt. Momo ist so präsent bei ihrem Gegenüber, dass sie in seine Gefühls- und Gedankenwelt eintauchen und „mitschwingen kann. Momo drängt nicht, Momo gibt keine Ratschläge, Momo bewertet und verurteilt nicht. Sie schweigt, wartet und zeigt mit ihrer ganzen Körpersprache ihre Bereitschaft, ganz für den anderen in diesem Moment da zu sein.  

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war zuhören.

Das ist nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme.

Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten.

Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten.

Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte das alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.“

„So konnte Momo zuhören!“1

Der Text spiegelt für mich die Wertschätzung und Haltung wieder, mit der wir in der zuhören sollten, ganz präsent beim Anderen sein. Den anderen versuchen zu „verstehen“.

Erst dadurch können wir eine Beziehungsqualität schaffen, die eine gewisse Tiefe erreicht und eine Verbindung herstellt zu meinem Gesprächspartner.

„Wenn…dir jemand wirklich zuhört, ohne dich zu verurteilen, ohne dass er den Versuch macht, die Verantwortung für dich zu übernehmen oder dich nach seinem Muster zu formen – dann fühlt sich das verdammt gut an.

Es gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Kommunikations- und der Beziehungsqualität der Kommunikationspartner: Je besser die Beziehungsqualität, umso besser ist die Kommunikationsqualität. Beziehungen entstehen durch Kommunikation, werden durch diese verändert und beendet.

Gute zwischenmenschliche Beziehungen sind durch Sympathie und Vertrauen gekennzeichnet. Carl Rogers hat die Grundhaltung in der Gesprächsführung mit drei „Variablen“ beschrieben:

Kongruenz (Authentizität, Echtheit)

Die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation ist, sich selbst und dem Gesprächspartner gegenüber echt und ehrlich zu sein. Das zu sagen, was man denkt, und das zu tun, was man sagt. Natürlich kann Täuschung ein Mittel der Kommunikation sein. Tatsache ist aber: Wenn der Gesprächspartner die Täuschung bemerkt, ist das Vertrauen verspielt.

Empathie (Einfühlungsvermögen)

Die zweite Voraussetzung ist die Fähigkeit, sich die Situation so vorstellen zu können, als ob man an der Stelle des Gesprächspartners wäre. Wichtiger Punkt dabei: Zu verstehen, warum jemand etwas tut, bedeutet nicht, es gut zu heißen. Ich kann z. B. verstehen, warum jemand in einer schwierigen Lebenssituation mehr Alkohol trinkt, als ihm gut tut – das bedeutet aber nicht, dass ich es gut heiße. Professionelle Kommunikation erfordert eine klare Unterscheidung zwischen Einfühlungsvermögen und Mitleid (selbst genauso zu fühlen und zu leiden wie der andere). Einfühlungsvermögen ist ein Kennzeichen professioneller Kommunikation, Mitleid ist (im professionellen Kommunikations-Kontext) ein Risikofaktor für Burnout.

Akzeptanz (Respekt, Wertschätzung)

Die dritte Voraussetzung ist die Fähigkeit, all das, was wir in der Kommunikation erfahren und was uns persönlich nicht gefällt, grundsätzlich neutral, nüchtern und sachlich (ohne zu werten) besprechen zu können. Natürlich hat hier jeder professionelle Kommunikator seine persönliche Grenze im Hinblick auf das, was er akzeptieren und respektieren kann. Wichtig ist aber, sich auch hier bewusst zu sein: Wenn Respekt nicht mehr möglich erscheint, gibt es auch kein Vertrauen.

Jedes Mal, wenn mir zugehört wird und ich verstanden werde, kann ich meine Welt mit neuen Augen sehen und weiterkommen. Es ist erstaunlich, wie scheinbar unlösbare Dinge doch zu bewältigen sind, wenn jemand zuhört. Wie sich scheinbar unentwirrbare Verstrickungen in relativ klare, fließende Bewegungen verwandeln, sobald ich gehört werde.

Es ist ein Geschenk!

Und Empathie ist ein Geschenk!

Momo schenkt den Menschen, die zu ihr kommen, ihre Zeit, nimmt Anteil und zeigt ein echtes Interesse an deren Ausführungen. Auf diese Weise schafft sie eine offene und vorbehaltlose Gesprächsatmosphäre ohne Druck aufzubauen, in der ihr Gegenüber die Sicherheit spürt, sich zeigen zu können, wie sie/er ist und sagen zu dürfen, was sie/er denkt. Indem die Einzelnen einfach sprechen „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, erkennen sie ihre Probleme selbst, finden eigene Lösungen und sind motiviert, die dafür notwendigen Schritte zur Umsetzung einzuleiten. Damit ist eine wichtige Voraussetzung für die eigene psychische Reifung und die Entwicklung einer größeren Selbstsicherheit und Unabhängigkeit gegeben. Momo hat das Zeug zur Führungskraft und wäre ein idealer Coach für ihre Mitarbeiter*nnen. 

Es wäre unmenschlich von sich und anderen zu verlangen, immer so gut wie Momo zuhören zu können. Für die Zukunft wünsche ich Ihnen und mir jedoch viele kleine und große Momente, in denen wir der Momo in uns und in anderen begegnen. 

Wenn Sie jemanden zum Zuhören brauchen, können Sie gerne über diesen Link einen Gesprächstermin bei mir buchen.

Und dieses Geschenk können wir in einer einfachen wie komplexen Übung erleben:

Empathisches Zuhören3

Zwei Personen sitzen sich gegenüber.

Person A beschreibt 5 Minuten lang ein trauriges oder erfreuliches Erlebnis oder eine Situation, mit der sie nicht zufrieden ist, mit der sie sich wieder und wieder beschäftigt oder….

Die andere Person (B) hört zu. Sie stellt keine Fragen oder greift ein, sondern signalisiert mit ihrer Körperhaltung und Mimik, dass sie bei der anderen Person ist.

Nach den 5 Minuten gibt B wieder, was er/sie gehört hat, ca 3 Minuten.

Danach überlegen beide, welche Gefühle ausgelöst wurden bei Person A und welche Bedürfnisse erfüllt oder nicht erfüllt waren.

Danach Rollenwechsel

Anschließend Auswertung in der Gesamtgruppe:

– Was nehme ich aus dieser Übung mit?

– Wie geht es mir jetzt? – …..

Auch Varianten sind denkbar:

Es können Dreiergruppen gebildet werden. A erzählt,

2 im Originaltext: „man“ statt „ich“

3 s.a.: I. Kauschat/ B. Schulze: Das große Praxisbuch zum wertschätzenden Miteinander, 101 Übungen zur Inspiration Ihrer Seminare und Gruppen auf Basis der Gewaltfreien Kommunikation, BoD – Books on Demand, Norderstedt

B und C hören zu, danach gibt B wieder und C benennt die Gefühle und Bedürfnisse

Oder

A erzählt,

B und C hören zu, B gibt wieder und C gibt B ein Zeichen, wenn er/sie beim Wiederholen moralische Bewertungen, Verurteilungen …. einfließen lässt