Hier am Strand von Almyros, inspiriert durch das Meer und die Menschen, kommen mir spontan Ideen zur Freiheit und Unabhängigkeit. Mir stellt sich die Frage, was findet sich in der  griechischen Mythologie zu diesem Thema?

Seit dem Altertum wird die angebliche Begegnung zwischen Alexander dem Großen und dem Philosophen Diogenes erzählt.

Alexander war gerade zum obersten Feldherrn gewählt worden und nahm von allen Seiten Gratulationen entgegen, rechnete aber auch mit dem Erscheinen des Diogenes. Als dieser nicht kommen wollte, beschloss Alexander, ihn in Begleitung einiger Offiziere aufzusuchen. Diogenes lag gerade in der Sonne vor seinem Weinfass, das ihm als Wohnung diente. Als Alexander mit seinem Gefolge erschien und fragte, ob er etwas für ihn tun könne, habe der bedürfnislose Diogenes ihm geantwortet:

„Geh mir ein wenig aus der Sonne!“

Alexander antwortete darauf zu seinen Leuten: „Wäre ich nicht Alexander, wollte ich Diogenes sein.“

Diese schöne Anekdote verdeutlicht die besondere Unabhängigkeit und Freiheit, die Diogenes durch seine Selbstgenügsamkeit, also seine Fähigkeit, mit wenig glücklich zu sein, und durch seinen Verzicht auf Ruhm und Ehre erlangt. Was die einflussreichsten und mächtigsten Menschen vielleicht über den Umweg von Besitz, Macht und Anerkennung zu erreichen versuchen, und was sie wohl nie erlangen, hat Diogenes durch Weisheit längst erreicht.

Und was Diogenes sich mit seinem philosophischen Eigensinn noch erstritten hat, ist Freiheit.

Freiheit nicht nur im Sinne von Bedürfnislosigkeit sondern auch im Sinne von Autarkie, von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit:

Er möchte niemandes Diener sein.

Wozu kann uns Diogenes inspirieren?

Das macht eine weitere schöne Anekdote noch deutlicher:

Ein griechischer Philosoph, Aristipp, in anderen Versionen der Geschichte ist von einem Minister die Rede, jedenfalls kommt dieser erfolgreiche und wohlhabende Mensch bei Diogenes vorbei während der das (damals billigste) Gericht, nämlich Linsen aß. Er sagte zu Diogenes:

„Bedauerlich für dich, Diogenes. Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein wenig mehr zu schmeicheln, dann müsstest du nicht immer nur Linsen essen.” Darauf habe Diogenes geantwortet: „Bedauerlich für dich! Wenn du gelernt hättest, mit Linsen auszukommen, müsstest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln.”

Diese Umkehr der Perspektive macht deutlich, wie Diogenes bescheidener Lebenswandel es ihm auch erlaubt, auf Duckmäuserei zu verzichten. Es stellt sich die Frage, was in diesem Fall teurer erkauft und schwerer zu ertragen ist: der Wohlstand oder die Armut.

Diogenes war zweifellos besonders frei von gesellschaftlichen und beruflichen Zwängen, er konnte auf Rücksichtnahmen verzichten und offen seine Meinung sagen. Vielleicht waren seine Äußerung zuweilen sogar beleidigend, aber es waren doch ehrliche und mutige Äußerungen, die ihm aufgrund seiner Unabhängigkeit möglich waren.

Wenn hier nun vom Diogenes Prinzip die Rede sein soll, ist diese vielgestaltige Befreiung von Ballast im Sinne von einer Reduktion auf das Wesentliche und Sinnvolle gemeint.

Das Diogenes Prinzip regt dazu an, seine Einstellungen, Wünsche und Ziele in Hinblick auf ihren Sinn, ihre Bedeutung und ihre Konsequenzen zu bedenken und zu prüfen.

Ein kritisches philosophisches Verfahren, das dabei hilft, Überflüssiges von Notwendigem Sinnvolles von Sinnlosem, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Diogenes steht vielmehr für eine Einsicht, aus der sich eine Einstellung und ein handlungsorientierendes Prinzip ergibt, das Menschen dazu befähigt, ihren eigenen Weg zu suchen und zu gehen.

Wozu kann uns Diogenes inspirieren?

Besonders dazu, ein sinnvolles, eigensinniges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Er kann uns dazu anregen, jemand jenseits des Habens, Konsumierens und des Ansehens oder des Image sein zu können.

In dieser Unabhängigkeit von äußeren und inneren Zwängen zu sich zu kommen, ohne dabei egozentrisch zu sein, das erscheint als das wesentliche Ziel eines gelingenden Lebens, wie es das Diogenes Prinzip ermöglichen will.

http://beratung-kaempf.de/doc/Diogenes-Prinzip-Inhalt-Einleitung.pdf