Spricht jemand von einem Weg der schmerzt, sollte die rote Lampe aufleuchten!

Vor vielen Jahren wurde meine Freundin im Urlaub auf Korsika krank. Es waren ihr unbekannte Schmerzen und mit jedem Tag wurden diese schlimmer. Schließlich beschlossen wir einen Arzt aufzusuchen. Der junge Arzt begang sie abzuhören und abzutasten, drückte auf ihrem Bauch herum, dann an den Schultern, und an den Knien. Er tastete Wirbel um Wirbel meiner Freundin ab. Langsam vermutete ich, dass er keine Ahnung hatte. Doch ich war unsicher und sie ließ es geschehen. Als Zeichen, dass die Untersuchung nun abgeschlossen hatte, zückte er den Notizblock und sagte: „Antibiotika. Nehmen Sie dreimal täglich eine Tablette. Bevor es besser wird wird es schlechter und wahrscheinlich erstmal schlimmer. Froh, dass wir nun einen Befund hatten gingen wir in unser Hotel zurück.

Die Schmerzen wurden tatsächlich schlimmer – wie vorausgesagt. Dieser Arzt wusste also, wovon er sprach. Als der Schmerz nach drei Tagen nicht nachlies, riefen wir ihn an. „Erhöhen Sie die Dosis auf fünf mal pro Tag. Es wird noch eine Weile schmerzen“ sagte er. Sie tat wie verlangt. Nach weiteren zwei Tagen rief ich den Flugrettungsdienst an. Der Arzt in Deutschland konstatierte Blinddarm und operierte ihn sofort.

Warum zum Teufel haben sie so lange gewartet? fragte er sie nach der Operation.

Es entsprach genau der Vorhersage, also vertraute sie dem jungen Arzt. Sie ist der „es wird schlimmer bevor es besser kommt Falle“ zum Opfer gefallen. Der Arzt hatte wahrscheinlich keinen blassen Schimmer. Vermutlich ein Aushilfskrankenpfleger, wie sie in der Hochsaison in allen Touristenorten anzutreffen sind.
Nehmen wir einen anderen Fall, ein Geschäftsführer, der weder ein noch aus wusste. Die Umsätze im Keller. Die Verkäufer demotiviert. Marketingstrategien, die ins Leere liefen. In seiner Verzweiflung heuerte er ein Berater an. Für 5000 € pro Tag analysierte dieser die Firma und kam mit diesem Resultat zurück.
„Ihre Verkaufsabteilung ist visionslos, und ihre Marke ist nicht klar positioniert. Die Situation ist verzwickt. Ich kann das für sie zurechtrücken. Aber nicht über Nacht. Das Problem ist komplex und die Maßnahmen verlangen Fingerspitzengefühl. Bevor es besser wird, werden die Umsätze nochmals zurückgehen.“ Der CEO engagierte den Berater. Ein Jahr später ging die Umsätze tatsächlich zurück. Auch im zweiten Jahr. Immer wieder unterstrich der Consultant, dass der Verlauf genau der Vorhersage entsprach. Als nach dem dritten Jahr die Umsätze weiter kränkelten, feuerte der Geschäftsführer den Berater endlich.

Die „es wird schlimmer bevor es besser kommt Falle“ ist eine Spielvariante des so genannten „Confirmation Bias“. ( Bestätigungsfehler)

Ein Fachmann, der nichts von seinem Fach versteht oder unsicher ist, tut gut daran, in diese Trickkiste zu greifen. Geht es weiter Berg ab, bestätigt sich seine Vorhersage. Geht es unerwarteterweise aufwärts , ist der Kunde glücklich, und der Fachmann kann die Verbesserung seinem Können zuschreiben.

So oder so – er hat immer recht. Angenommen, sie werden Präsident eines Landes und haben nicht die geringste Ahnung, wie das Land zu führen sei. Was tun Sie? Prognostizieren Sie schwierige Jahre, fordern Sie ihre Landsleute auf, den „Gürtel enger zu schnallen“ und versprechen Sie eine Verbesserung der Situation erst nach einer  „heiklen Phase der Orientierung, Entschlackung und Restrukturierung“. Lassen Sie es dabei bewusst offen, wie lange und wie tief das Tal der Tränen sein wird.

Den besten Beleg für den Erfolg dieser Strategie liefert das Christentum: bevor das Paradies auf Erden kommt, heißt es, muss die Welt zu Grunde gehen. Die Katastrophe, die Sintflut, das Welt Feuer, der Tod – Sie sind Teil eines größeren Plans und müssen sein. Der Gläubiger wird jede Verschlechterung der Situation als Bestätigung der Prophezeiung und jede Verbesserung als Geschenk Gottes erkennen.

Fazit: sagt jemand: „Es wird schlimmer, bevor es besser wird“, sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten. Aber Vorsicht: es gibt tatsächlich Situationen, bei denen es erst nochmals runter – und erst dann wieder rauf geht. Ein Karrierewechsel kostet unter Umständen Zeit und ist mit Lohnausfall verbunden. Die Reorganisation eines Firmenbereichs braucht eine gewisse Zeit. Doch in all diesen Fällen sieht man relativ schnell, ob die Maßnahmen greifen. Die Meilensteine sind klar und überprüfbar. Schauen Sie darauf, und nicht in den Himmel.

 

 

R.Dobelli, die Kunst des klaren Denkens, 2020 Piper Verlag, München