Ärgern Sie sich nicht, falls Sie Mühe haben, ihre Gefühle zu beschreiben. Es liegt nicht an ihren sprachlichen Fähigkeiten. Im deutschen gibt es rund 150 Adjektive, die verschiedene Emotionen bezeichnen. Im englischen sind es sogar doppelt so viele. Wir haben mehr Wörter für Emotionen als für Farben und doch schaffen wir es nicht, sie klar zu bezeichnen. Die Selbstbeobachtung unserer momentanen Empfindungen ist fehlerhaft, unzuverlässig und irreführend, nicht nur zufällig falsch, sondern richtig falsch. Nun, wir könnten gut mit dieser Unfähigkeit leben, wenn nicht die ganze Welt fordern würde: Folge deinen Gefühlen! Folge deinem Herzen! Folge deinem Innersten!

Meine Erfahrung: versuchen Sie es gar nicht. Machen Sie ihre Gefühle nicht zu ihrem Kompass. Ihr Innerstes, wenn man es denn mit einem Kompass vergleichen will, besteht aus einem Dutzend Magnetnadeln, die alle in verschiedene Richtungen zeigen und unaufhörlich schwanken und sich drehen. Würden Sie mit einem solchen Kompass einen Ozean befahren? Eben. Dann verwenden sie ihn auch nicht als Navigation durch ihr Leben. Das gute Leben finden Sie nicht durch Selbsterforschung. Selbsterforschungsillusion ist der Glaube, dass wir durch gedankliche Einkehr unsere wahre Neigungen ergründen könnten, unsere Lebensziele, unseren Lebenssinn, den goldenen Kern unserer Glückseligkeit. Fakt ist: Folgen Sie ihren Gefühlen in den tiefen Wald, als den viele Dichter unserer Gefühlswelt beschriebenen, dann verlieren sie sich garantiert und landen in einem Sumpf aus Stimmungen, Gedankenfetzen und Gefühlsregungen. Wenn sie schon einmal Jobinterviews geführt haben, sind Sie mit dem Problem vertraut: Sie unterhalten sich mit einem Kandidaten eine halbe Stunde lang und fallen dann auf dieser Grundlage ihr Urteil. Die Selbsterforschung  ist nichts anderes als ein Jobinterview mit sich selbst – höchst unzuverlässig. Was sie stattdessen betrachten sollten, ist ihre Vergangenheit. Welche Themen ziehen sich faktisch durch ihr Leben? Schauen Sie auf die Evidenz, nicht auf das was sie nachträglich hinein interpretieren. Warum aber ist Selbsterforschung so unzuverlässig? Zwei Gründe. Erstens transportieren Sie nicht mehr Kopien ihrer Gene in die nächste Generation, je öfter und tiefer sie in sich hinein horchen. Aus revolutionärer Perspektive ist es viel wichtiger, die Gefühle der anderen lesen zu können als die eigenen. Das ist beruhigend zu wissen, denn hierin sind wir nachweislich besser. Konkret bedeutet es: Fragen Sie einen Freund oder ihren Lebenspartner, was in ihrem Inneren vorgeht. Sie oder er wird sie objektiver beurteilen können als sie sich selbst. Der zweite Grund, warum die Selbsterforschung so unzuverlässig ist: wer liebt es nicht, die einzige Autorität im Raum zu sein? Egal, was wir im Innersten zu fühlen glauben – niemand widerspricht uns. Das ist zwar angenehm, aber eben nicht hilfreich, Denn der Korrekturmechanismus fehlt. Da unsere Gefühle so unzuverlässig sind, sollten wir sie generell weniger ernst nehmen, besonders die negativen. Die griechischen Philosophen nannten diese Fähigkeit zum ausblenden negativer Gefühle Ataraxie, ein Begriff, der Gemütsruhe, Seelenfrieden, Unerschütterlichkeit, Gleichmut beziehungsweise Gelassenheit umschreibt. Wer diese Ataraxie beherrscht, behält die Fassung, wenn das Schicksal zuschlägt. Noch eine Stufe höher steht die Apathie, also das komplette ausschalten von Gefühlen.

Beide, Ataraxie und Apathie, sind sehr schwierig zu erreichende Ideale. Aber keine Angst, darum geht es hier nicht. Vielmehr glaube ich, dass wir ein Neues, ein distanziertes, skeptisches und spielerisches Verhältnis zu unserem Innersten pflegen sollten.

Ich zum Beispiel behandle meine Gefühle so, als gehörten sie mir nicht. Sie kommen von irgendwoher, besuchen mich und ziehen wieder davon. Falls Sie ein Bild wünschen: ich sehe mich oft wie eine offene, luftige Markthalle, die von Vögeln aller Art durchflogen wird. Manchmal durchflattern sie die Halle nur oder sie verweilen ein bisschen länger. Aber sie ziehen schließlich alle wieder weiter. Da gibt es Vögel, die ich mehr, andere, die ich weniger mag. Seit ich mir dieses Bild von der Markthalle zurecht gelegt habe, besitzen mich die Gefühle nicht mehr. Ich fühle mich nicht mal als ihr Besitzer. Einige sind mir als Besucher zwar nicht unbedingt willkommen, aber auch nicht allzu störend, wie die Vögel in der Markthalle. Ich ignoriere sie oder betrachte sie aus der Distanz. Und der Vogelvergleich trägt sogar noch weiter: wenn Sie den Emotionen Vogelarten zu ordnen, können Sie noch spielerischer damit umgehen. Sie kennen es wohl aus eigener Erfahrung: wer negative Gefühle mit Willenskraft wegdrücken will, wird sie damit nur verstärken. Wer hingegen einen lockeren und ernsten Umgang mit ihnen findet, wird zwar nicht den totalen Seelenfrieden erreichen, aber immerhin einen gewissen Gleichmut. Zugegeben: manche Emotionen, insbesondere Selbstmitleid, Kummer und Neid, sind so toxisch, dass ihn mit spielerischen Umgang allein nicht bei zukommen lässt. Sie erfordern zusätzliche gedankliche Gegenstrategien. Grundsätzlich aber gilt: Vertrauen Sie ihren Gefühlen nicht. Sie können präziser sagen, was in einem Whopper steckt, als was sie beim verspeisen eines Whoppers  empfinden. Nehmen Sie die Gefühle der anderen durchaus ernst, nicht aber ihre eigenen. Lassen Sie sie flattern, sie kommen und gehen ohnehin, wie sie wollen.

 

R. Dobelli 2021: Die Kunst des guten Lebens, Piper Verlag