Kennen Sie das Gefühl, sich nicht entscheiden zu können? Besonders weil das Leben – privat wie beruflich – heute scheinbar unendlich viele Optionen bietet.


Eine Entscheidung fällt dann schwer, wenn jede Alternative gewisse Vorteile hat und keiner dieser Vorteile eindeutig besser ist. Es gibt keine beste Wahl. Wenn es keine beste Wahl gibt, dann kommen Ängste auf, wir könnten eine falsche Entscheidung treffen, die für uns negative Konsequenzen hat.

Warum es aber so wichtig ist, trotz dieser Fülle an Möglichkeiten klare Entscheidungen zu treffen, möchte ich Ihnen an einem Bespiel verdeutlichen.

Ein außergewöhnlicher Patient saß 1982 im Wartezimmer des portugiesischen Neurologen Antonio Damasio. Er hieß Elliot, einige Monate zuvor war ihm ein Tumor aus dem Gehirn operiert worden, gleich hinter der Stirn. Der Tumor war klein, doch die Folgen waren tragisch: Aus dem tüchtigen Mann war ein chronischer Zögerer geworden. Er hing stundenlang am Autoradio, weil er sich nicht für einen Sender entscheiden konnte. Er konnte kein Wort schreiben, wenn ein schwarzer und ein blauer Stift zur Wahl standen. Elliot war alltagsuntauglich geworden. Denken konnte er noch bestens, sein Intelligenzquotient war unverändert. Nur sich entscheiden, das konnte er nicht mehr.

Diese Entscheidungsunfähigkeit macht handlungsunfähig und öffnet dem fremdbestimmten Leben alle Tore.

Auch wenn Gefühl und Verstand einander widersprechen, kommt es zur Kraftprobe. Ein bemerkenswertes Experiment dazu haben Ökonomen Ende der neunziger Jahre an der Stanford University durchgeführt. Die Forscher erklärten ihren Probanden, dass sie ihr Gedächtnis testen wollten. Mal mussten sich die Probanden zwei Ziffern merken, mal sieben. Dann schleusten die Forscher sie beiläufig an einem Buffet vorbei, an dem es Obstsalat und Schokoladentorte gab. In Wirklichkeit waren die Forscher gar nicht am Gedächtnis der Probanden interessiert, sondern an deren Wahl am Buffet. Und sie fanden einen erstaunlichen Zusammenhang: Je mehr Ziffern die Probanden gerade im Gedächtnis zu behalten versuchten, desto eher entschieden sie sich für die Torte. Wenn der Verstand abgelenkt ist, hat das Gefühl also freies Spiel.

Aus meiner Sicht spielen jedoch  die unterschiedlichsten  Gründe eine wichtige Rolle in der Entscheidungsfindung.

Entscheidungen sind immer ein Schritt ins Ungewisse.

Wir mögen noch so viele Fakten oder Argumente gesammelt haben, die uns eine Alternative attraktiver als die andere vorkommen lässt – wie unsere Entscheidung sich entwickeln wird, weiß man nicht. Nicht umsonst heißt es: „No risk, no fun!“. Der Mut zum Risiko erhöht die Zahl der Alternativen. Je sicherheitsorientierter jemand ist, umso weniger wird er verschiedene Möglichkeiten in Betracht ziehen können. Oft bleibt dann nur die „sichere“ Lösung, die sich aber über die Zeit als ganz schön unsicher und unbefriedigend herausstellen kann.

Entscheidungen sind immer mit einem Verlust verbunden.

Die Natur von Entscheidungen beinhaltet, dass wir mit unserem „Ja“ für eine Möglichkeit wir uns gleichzeitig gegen viele andere Möglichkeiten entscheiden. In der Theorie ist uns das alles klar. Doch die Praxis kann schmerzlicher sein.

Entscheidungen erinnern uns an die Vergänglichkeit.

In der Jugend mit der Unsterblichkeits-Phantasie „Alles ist möglich“ ausgestattet, spielt da der Zeithorizont meist keine so große Rolle. In welche Stadt man zieht, für welches Studium man sich einschreibt – alles scheint korrigierbar und reversibel. Es kommt noch nicht so darauf an, alles lässt sich noch einmal ändern. Doch je mehr einem mit fortgeschrittenem Alter die eigene Sterblichkeit und damit der begrenzte Zeithorizont bewusster wird, umso sorgfältiger wird man die wesentlichen Entscheidungen abwägen.

Entscheidungen spiegeln wider, ob uns unser Leben gehört.

Je mehr einem Mensch bewusst ist, dass sein Leben ihm gehört, dass er allein die Verantwortung dafür trägt, umso leichter kann das Entscheiden sein sein. Wer dagegen fühlt, dass sein Leben nicht für ihn selbst da ist, sondern mehr eine Verpflichtung spürt, es damit anderen Menschen recht machen zu müssen, wird bisweilen länger ambivalent hin- und herschwanken zwischen den eigenen Wünschen und dem Druck, andere dabei nicht zu vernachlässigen.

Wie wäre es mit einer positiven Einstellung zu mir selbst und damit: „ ich bin okay“. !!❤️

Entscheidungen zeigen, dass wir immer selbstverantwortlich sind.

Je mehr jemand diese Einstellung hat, umso leichter wird er sich meist entscheiden können. Wenn jemand Selbstverantwortung mit Schuld verwechselt, kann derjenige versuchen, Entscheidungen zu vermeiden, um nicht zu hören – oder selbst zu denken: „Das ist meine Schuld, ich habe es ja so entschieden.“

Entscheidungen zeigen uns, wie wir mit Wahlmöglichkeiten umgehen.

Das Sprichwort von der „Qual der Wahl“ wurde auch durch psychologische Experimente bestätigt.

Versuchspersonen, denen man zehn Tafeln Schokolade zur Auswahl gab, waren hinterher mit ihrer Wahl für eine Sorte unzufriedener als jene Gruppe, denen man nur vier Tafeln zur Wahl stellte.

Auch wie man Wahlmöglichkeiten überhaupt betrachtet, spielt eine Rolle. Der eine sieht bei einer Entscheidung die Chancen und Möglichkeiten, der andere mehr die Probleme und Risiken.

Wer sich schlecht entscheiden kann, ist oft auf der Suche nach dem Besten

Doch hinter dem Bestreben, immer das Beste haben zu wollen, und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich zu entscheiden, kann sich die Angst verbergen, Fehler zu machen.

Man fürchtet, von anderen komisch angeschaut zu werden oder Kritik zu ernten.

Manchmal können auch getroffene Fehlentscheidungen in der Vergangenheit der Grund für die eigene Entscheidungsschwäche sein. Man vertraut dann nicht mehr dem eigenen Urteilsvermögen. Zum Glück sind unsere neuronalen Netzwerke, in denen Erfahrungen gespeichert werden, sehr veränderungsfähig. Wenn man sich ein paar Mal gut entschieden hat, verblassen die negativen Erfahrungen und werden durch die positiven ersetzt.

Entscheidungen zwingen uns, uns festzulegen.

Bei parlamentarischen Abstimmungen gibt es die Möglichkeit der Stimmenthaltung. Auch im praktischen Leben glauben viele, dass es diese Möglichkeit des „Nicht-Entscheidens“ gäbe. Doch das ist eine Illusion.

Von Paul Watzlawick stammt der Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Jeder Satz, jede Geste, jedes Verhalten ist Kommunikation. Da es nicht möglich ist, sich nicht zu verhalten, wird schnell klar, dass man sich auch nicht nicht entscheiden kann.

Das beliebte verzögernde „Ich kann mich noch nicht entscheiden“ ist in Wahrheit eine Entscheidung für den Status quo. Wer im Restaurant sich bei der Vielzahl der Gerichte nicht entscheiden will, wählt damit – nicht ganz bewusst – das Hungrigbleiben. Bis er zumeist seine Bedenken dahingibt und doch etwas bestellt.

So ist es auch in manchen Partnerschaften, wo einer oder beide das Heiraten mit rationalisierenden Begründungen hinauszuzögern versuchen. Denn ein Antrag und die folgende Heirat bedeuten trotz Scheidungsmöglichkeit immer eine weitreichende Entscheidung: Das ausschließliche JA für einen Menschen – bei schätzungsweise drei Milliarden Alternativen.

Insofern kann man das Nichtheiraten verstehen als spätbubertären Protest gegen Normen oder als versuchte Stimmenthaltung mit der heimlichen Bedeutung „Ich warte noch auf was Besseres!“

Tip für schwierige Entscheidungen:

Der Münzwurf funktioniert im übrigen auch ohne Münze. Kann sich beispielsweise ein Klient nicht entscheiden, frage ich ihn einfach, ob sich für ihn wirklich alle Alternativen gleichwertig anfühlen. Er antwortet in der Regel spontan mit Ja. Daraufhin sage ich ihm, dass es dann ja egal ist, wie er sich entscheidet. Er widerspricht meistens vehement! Ich höre dann auf das erste Argument, dass er vorbringt, denn das scheint ihm ein Hauch wichtiger zu sein als alle anderen, die noch folgen werden, sonst hätte er es nicht als  Erstes genannt. Damit können sie ihm und sich die Entscheidung erleichtern